Musik als Heimat – Die Geschichte von Vanja Toscano de Almeida: Eine Künstlerin zwischen zwei Welten und einem gemeinsamen Traum










Beim Benefizkonzert der Organisation „Prosvjeta“, das Spenden za Kinder im Kosovo und Metochien sammelte, berührte sie das Publikum mit ihrer kraftvollen Stimme und aufrichtigen Emotionen. Vanja Toscano de Almeida, geboren in einer Kleinstadt in Serbien, begann bereits im Alter von vier Jahren mit der Musik. Mit sechs Jahren schrieben ihre Eltern sie an der Schule für Musiktalente in Ćuprija ein. Seitdem führte ihr Lebensweg sie weit weg von ihrer Familie, aber niemals weg von ihren Wurzeln.
Heute lebt sie verheiratet in Wien und arbeitet an der Musikschule in Kottingbrunn, wo sie ihre Liebe zur Musik an neue Generationen weitergibt. Obwohl sie mehrere Instrumente beherrscht, ist der Gesang ihre wahre Berufung und größte Leidenschaft. In diesem Gespräch erzählt Vanja von ihrer Kindheit, ihrer Ausbildung, dem Leben im Ausland und ihren Plänen für die Zukunft.
Yuga: Kindheit und musikalische Anfänge – Du bist in der Nähe von Ćuprija geboren und wurdest schon als kleines Mädchen an der Schule für Talente aufgenommen. Wie erinnerst du dich an diese ersten musikalischen Schritte i das Aufwachsen fernab der Familie?
Vanja: Ich wurde in Paraćin geboren, einer Kleinstadt in der Nähe von Ćuprija. Meine Mutter behauptet, dass ich zu singen begann, bevor ich sprechen konnte. Die Liebe zur Musik begleitet mich scheinbar von Anfang an. Während meiner Kindergartenzeit besuchte ich kurz eine private Gehörbildungsschule, wo meine Eltern die Empfehlung erhielten, mich für die Aufnahmeprüfung an der Schule für Musiktalente in Ćuprija anzumelden. Da ich damals noch sehr jung war, nahm ich zuerst privaten Geigenunterricht in Paraćin bei Professor Vatroslav Simić, der auch an dieser Schule unterrichtete.
Für uns alle, die dort aufgewachsen sind, war diese Schule viel mehr als nur ein Ort zum Lernen – sie war unser zweites Zuhause. Die meisten Kinder fuhren am Wochenende nach Hause, andere, die weiter weg wohnten, sahen ihre Eltern noch seltener. Ich hatte das Glück, in der Nähe zu wohnen, sodass meine Eltern zumindest am Anfang auch unter der Woche zu Besuch kamen. Als die Verpflichtungen zunahmen, blieb ich immer öfter in der Schule. Das Aufwachsen in einem Internat ist nicht für jeden etwas – es bringt Herausforderungen und eine Stille mit sich, die man für immer in Erinnerung behält. Aber diese Umgebung hat mich Selbstständigkeit, Beharrlichkeit und die Fähigkeit gelehrt, Kraft in mir selbst zu finden, auch wenn ich mein Zuhause vermisste.
Dabei habe ich auch gelernt, wie wichtig es ist, dass Menschen sich gegenseitig stützen, selbst wenn sie nicht immer einer Meinung sind. Wir waren wie eine große Familie: Wir teilten schöne und schwere Momente und lernten, füreinander da zu sein. Deshalb besteht zwischen uns auch heute noch, selbst wenn wir uns lange nicht sehen, diese besondere Vertrautheit. Im Internat haben wir oft „Familie“ gespielt und uns Rollen wie Mama, Papa oder Großeltern zugewiesen. Heute rückblickend war das nicht nur ein Kinderspiel, sondern ein Weg, das zu kompensieren, was uns fehlte – das Gefühl von Geborgenheit und häuslicher Unterstützung.
Yuga: Ausbildung und Spezialisierung – Welche Musikschulen und Fachrichtungen hast du absolviert und wie hat sich dein musikalischer Weg über die Jahre geformt?
Vanja: Meine erste Aufnahmeprüfung in Österreich habe ich nicht bestanden, daher studierte ich einige Monate in Kragujevac. Wie es im Leben oft so ist, passierte genau dann ein Zufall, der alles veränderte: Professor Michael Frischenschlager, der an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) lehrt, hielt einen Meisterkurs in Kragujevac. Ihm gefiel meine Art zu spielen und ich wurde ermutigt, erneut zur Aufnahmeprüfung anzutreten.
Die MDW in Wien gehört zu den besten Musikuniversitäten der Welt und der Wettbewerb ist enorm. Obwohl ich nicht viel erwartete, bestand ich beim zweiten Mal! Ich studierte Konzertfach Violine, aber das Leben hatte andere Pläne. Meine Hände begannen zu schmerzen, und die Schmerzen breiteten sich auf Schultern und Rücken aus. Mein Professor vermittelte mir einen Spezialisten für Musikermedizin, und es wurde eine doppelte Skoliose sowie chronische Sehnen- und Nervenentzündungen festgestellt. Ich arbeitete lange an mir selbst, aber in dieser Zeit führte mich das Leben unerwartet zum Gesang – etwas, das ich mir tief im Inneren immer gewünscht hatte, wofür mir aber bisher die Zeit oder der Mut fehlte. Ich bin dankbar für diese Hindernisse, denn sie haben mich genau dorthin geführt, wo ich sein sollte.
Der Gesang öffnete mir Türen zur Improvisation, Komposition und anderen Genres, und die Schmerzen verschwanden mit der Zeit. Später absolvierte ich den Lehrgang für Musikphysiologie, eine Spezialisierung, die sich mit der Physiologie und Psychologie von Musikern befasst. Genau wie Sportler spezifische Verletzungen haben, benötigen auch Musiker Wissen und Unterstützung, um ihren Körper und ihre psychische Kondition zu bewahren. Dieses Wissen gebe ich nun an meine Schüler weiter.
Yuga: Liebe und Leben im Ausland – Du bist verheiratet und lebst heute in Wien. Wie haben sich eure Liebes- und Lebensgeschichte mit deinem musikalischen Weg verbunden?
Vanja: Mein Mann und ich haben uns an der Universität kennengelernt, und zwar ausgerechnet in dem Fach, das ich damals am schwierigsten und langweiligsten fand! Der Professor war ziemlich streng, daher verrate ich das Fach lieber nicht – aber genau dieser Kurs hat mir meinen Ehemann „gebracht“ (lacht). Er hatte damals Gitarre belegt, aber das Leben führte ihn später in eine andere Richtung. Er hatte schon immer eine Begabung für Mathematik und Technologie, weshalb er sich der Programmierung zuwandte, was er heute beruflich macht. Er spielt aber immer noch Gitarre für sich und Freunde.
Yuga: Arbeit in Österreich – Du arbeitest an der Musikschule in Kottingbrunn. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus und wie vermittelst du deinen Schülern die Liebe zur Musik?
Vanja: In Kottingbrunn leite ich Einzel- und Gruppenunterricht sowie einen Erwachsenenchor. Ich schätze mich glücklich, an dieser Schule mit wunderbaren Kollegen und Schülern zu arbeiten. Das zwischenmenschliche Verhältnis im Team ist essenziell. Bei meinen Schülern versuche ich, die Balance zwischen meinen pädagogischen Zielen und ihren persönlichen Wünschen zu finden. Ich bin sehr mit meinen Schülern verbunden und begleite viele von ihnen schon lange beim Erwachsenwerden. Im Instrumentalunterricht sind wir Mentoren; wir geben ihnen Werkzeuge an die Hand, die nicht nur für die Musik, sondern auch für das Leben wichtig sind.
Eine solche Rolle bringt eine große Verantwortung mit sich, und man muss offen dafür sein, als Pädagoge immer wieder aufs Neue zu lernen. Sobald man das Gefühl hat, bereits alles gelernt zu haben, ist das ein Zeichen dafür, dass man sein pädagogisches Wachstum fortsetzen muss. So wie die Schüler von mir lernen, lerne auch ich von ihnen. Mir ist bewusst, dass einige von ihnen später keine Musiker werden, aber ich bin zufrieden, wenn es mir gelungen ist, ihnen die Liebe zur Musik zu vermitteln – und all das, was wir durch die Musik gelernt haben, was ihnen in Zukunft auch in anderen Lebensbereichen von Nutzen sein wird.
Yuga: Verbindung zur Heimat – Obwohl du in Österreich lebst, ist deine Familie in Serbien. Wie pflegst du die emotionale und kulturelle Verbindung zu deinen Wurzeln?
Vanja: Die meisten Leser werden zustimmen, dass das Leben in einem fremden Land nicht immer leicht ist. Dennoch ist das Auswandern eine Entscheidung, die Verantwortung mit sich bringt – sich Herausforderungen zu stellen und in der neuen Umgebung seinen Weg zu finden. Die Wurzeln verlassen uns nie. Wenn man jünger ist, versucht man sich abzugrenzen und seine Identität im neuen Land zu finden. Doch später begreift man, wie wichtig es ist, den Teil von sich zu akzeptieren, den man von den Eltern und Vorfahren sowie der Kultur des eigenen Volkes mitbekommen hat. Bei mir zeigte sich dieser Weg besonders durch die Musik. Ich wollte viele Genres ausprobieren, aber in den letzten Jahren hat mich die Balkanmusik am stärksten gerufen, vermischt mit anderen Stilen – das, was man „World Music“ nennt.
Durch diese Art von Musik pflege ich meine Wurzeln und erforsche dieses Thema, trage aber gleichzeitig einen Koffer voller Farben anderer Erfahrungen und Stile bei mir, die mich geprägt haben. So entstand auch mein neues Projekt/meine Band 'Bojanka'.

Mit meiner Familie bin ich in ständigem Kontakt und nutze jede Gelegenheit, nach Serbien zu reisen. Da ich aber schon lange in Österreich lebe, habe ich auch hier Wurzeln geschlagen und wunderbare Freundschaften geschlossen. Wien ist ein besonderer Ort dafür: Es ist international und ermöglicht es jedem, seinen Kreis zu finden, in dem man so sein kann, wie man ist.
Yuga: Benefizkonzerte und Engagement – Du hast beim Benefizkonzert der „Prosvjeta“ gesungen. Wie viel bedeuten dir solche Auftritte?
Vanja: Benefizkonzerte sind für mich immer ein edler Akt, der zeigt, dass Menschen füreinander da sind. Es freut mich immer, wenn ich zu solchen Initiativen auf eine Weise beitragen kann, die für mich natürlich ist. Solche Auftritte erinnern mich daran, wie sehr Musik Menschen berühren kann und welche Kraft sie entfaltet, wenn sie von Herzen kommt.
Yuga: Pläne und Träume – Was inspiriert dich und was möchtest du in den kommenden Jahren erreichen?
Vanja: Ich lerne, den Weg zu meinen Zielen zu genießen, denn oft sind die Schritte dorthin das Wertvollste. Inspiration finde ich im Leben, in der Natur und bei den Menschen um mich herum. Für mich ist Kunst ein Spiegel – ein Weg, durch Klang, Bild oder Wort das Mysterium des eigenen Pfades zu verstehen.
Musikalisch freue ich mich sehr auf das neue Kapitel mit dem Projekt „Bojanka“ sowie auf die Veröffentlichung des Jazz-Albums, das ich mit der großartigen Pianistin Anna Maurer aufgenommen habe.
Vanjas Geschichte ist mehr als nur eine Geschichte über Musik – es ist eine Erzählung über Beharrlichkeit, Mut und eine Liebe, die keine Grenzen kennt. Jede Melodie, die sie singt, trägt einen Teil ihres Weges in sich: den Duft der Kindheit in Serbien, die Erfahrungen aus Wien und die Emotion, die diese Welten zu einer Harmonie verbindet.
Das Gespräch führte das Team von YUga.at. Fotos: Yan Almeida.
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